Sagenhaftes aus dem Neustädter Moor

Lesen

Im Moor ist es nie ganz geheuer gewesen, nie ganz Land und nie wirklich Wasser.  Ein beschwerliches, unheimliches und  unzugängliches Terrain für Menschen. Und gefährlich dazu!

Nicht weit von hier gab es eine Stelle im Moor, an der sich nachts öfters Moorlichter zeigten, Flammen aus leicht entzündlichen Moorgasen. Früher konnte man sich dieses Phänomen kaum erklären und so mancher wird beim Anblick dieser Lichter das empfunden haben, was Anette von Droste-Hülshoff in ihrem Gedicht „Der Knabe im Moor“ beschreibt: „Schaurig ist´s übers Moor zu gehen“.

Später stand an dieser Stelle ein Wirtshaus, das in seinem Namen die Erinnerung an die Moorlichter aufbewahrt hatte: „Lüttke Lucht“ – das kleine Licht.

Unweit des Gasthauses hatten einmal zwei Männer in der Dunkelheit einen Schatz entdeckt, der von einem Moorlicht beleuchtet war. Von einem Bauern in der Nähe liehen sie sich Schaufeln und warteten bis Mitternacht. Dann gingen sie still zu Werke, wohl wissend, dass man beim Heben eines Schatzes kein Wort sagen darf. Schon hatten sie die Kiste fast ausgegraben und der locker aufliegende Deckel gab den Blick auf viele blanke Goldmünzen frei. Während sie aber nun daran gingen, die Kiste aus dem moorastigen Untergrund zu ziehen, kippte sie leicht zur Seite und einige Taler purzelten ins Moor. „Kannst du nicht aufpassen!“, zischte da der eine dem anderen zu, worauf dieser antwortete: „Halt du bloß dein Maul!“, aber da war es schon zu spät. Die Kiste entglitt ihnen und versank vollständig im Moor. In der nächsten Nacht wollten sie es noch einmal versuchen, aber das Moorlicht führte sie diesmal an eine falsche Stelle. Da merkten sie, dass ein Lichtmännchen sie an der Nase herumführte.

Andernorts wurden die Lichter auch mit Seelen ruheloser Toter in Verbindung gebracht. Das ist insofern schlüssig, als das Moor auch ein Ort des Todes gewesen ist. Es kursierten viele Geschichten über Menschen, die von der Arbeit im Moor nicht zurückgekehrt, sondern versunken waren, von Kindern, die sich im Sumpf verirrt hatten und dort umgekommen waren. Genährt wurden solche Erzählungen von tatsächlichen Todesfällen, die durch die Jahrhunderte immer wieder dokumentiert wurden. Auch das Wetter konnte die Menschen im Moor in Bedrängnis bringen. Gewitter waren in der fast baumlosen Landschaft mit ihren vielen Wasserflächen besonders gefährlich. So weiß man, dass im Jahr 1929 unweit von hier eine Frau aus Barvern beim Torfstich tödlich vom Blitz getroffen wurde.

Mancher hatte aber auch Glück im Unglück. Ein Bauer aus Ströhen hatte sich in der Zeit verschätzt und sich deshalb bei hereinbrechender Dunkelheit mit seinem Ochsenkarren im Moor verirrt. Er suchte so lange den Weg, bis es ihm zu viel wurde und er den Wagen samt Ochsen im Moor stehen ließ, um zu Fuß nach Hause zu finden. Gegen Morgen hatte er es endlich geschafft und erreichte den heimischen Hof. Er traute jedoch seinen Augen kaum, denn direkt vor seinem Haus stand auch der Ochse samt seinem Karren! Seitdem hieß es in Ströhen: Bei uns gibt es viele Ochsen, aber nur einen ganz dummen!

Karte