Mädchenwohnheim und Arbeitersiedlung

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"Sehen sie dieses große Gebäude links am Ende der Heimstraße? Das ist ein großes Mädchenwohnheim. Jetzt könnten Sie fragen, was das hier zu suchen hat, aber passen Sie auf: Als die Lahusen hier auf dem freien Feld die Fabrik bauten, hatten sie ein echtes Problem: Woher die vielen Arbeiter nehmen? Das Städtchen Delmenhorst gab nicht genügend her. Viele Leute hat man darauf hin aus Osteuropa geholt. Schwierig war es allerdings die alle unter zu bringen. Gerade in den frühen Jahren lebten die Leute auf allerengstem Raum. Aus dieser Zeit kennt man ja die sprichwörtlichen „Delmenhorster Zustände“. Und man konnte sich ja ausrechnen, dass die Arbeiter nicht lange bleiben, wenn es nicht mal ein ordentliches Dach über dem Kopf gibt. Nicht dass es woanders viel besser gewesen wäre, der kleine Mann hat ja selten was zu lachen.

Gut, aber ich wollte ihnen ja eigentlich was über das Mädchenwohnheim erzählen. Dort wohnten bis 1914 etwa 150 junge unverheiratete Frauen, die auch diese Weise sicher untergebracht waren.

Immerhin waren sie nicht in großen Schlafsälen, sondern, wie ich gehört habe, in 2-3 Bettzimmern untergebracht. Ob die jungen Dinger allerdings immer viel Spaß dabei hatten, weiß ich ja nicht. Das Heim hatte nämlich einen Hausdrachen, die Frau Oberin, und die wusste, wie man für Ordnung sorgt, nach allem, was man so hört. Auch billig war die Angelegenheit für die Mädels nicht gerade. Für Kost und Logis mussten sie mit allem Drum und Dran gut ein Drittel ihres sowieso recht schmalen Lohnes abgeben.

Ja, seit dem Krieg 14/18 kommen ja keine Leute aus dem Osten mehr. Seitdem wird das Heim für alle möglichen anderen Zwecke benutzt. Die Straße auf der wir uns befinden, heißt übrigens nach dem Wohnheim heute noch Heimstrasse. Die Straße, auf der wir uns befinden, heißt nach dem Wohnheim „Heimstraße". Die anderen Straßen haben so schöne Namen wie Birken-, Eichen- oder Pappelstraße. Da denkt man doch gleich an das gute Landleben, nicht wahr? Na gut, den Luxus wie die feinen Damen und Herren auf der anderen Werksseite gibt es hier natürlich nicht, aber es geht auch durchaus schlechter. 60 Doppelhäuser stehen hier in der Siedlung. Jede Wohnung hat etwa 45 qm Wohnflache, nicht riesig, insbesondere, wenn man einen ganzen Stall voller Kinder hat. Aber immerhin sind sie immer noch besser als irgendein Loch in einer Arbeiterkaserne - und um so jünger die Häuser sind, desto schmucker sind sie. Kucken Sie sich nur 'mal die Häuser weiter östlich der Birkenstraße an.

Das Gute an allen Häusern hier ist auch, dass jeweils ein Nutzgarten für die Selbstversorgung mit dabei ist. Dadurch kann man seinen schmalen Lohn noch etwas aufpäppeln. Fast jeder hier betreibt z. B. Schweinehaltung. Das Schlachtfest jedes Jahr ist immer 'was ganz Besonderes. Dann gibt es endlich wieder mal 'was Deftiges zwischen die Zähne. Da können Sie hier 'mal richtig  frohe Gesichter sehen!"

Das Mädchenwohnheim wurde nach einer äußerst wechselvollen Geschichte 1987 als eines der ersten Gebäude saniert. Heute ist es ein Seniorenwohnheim. Die Siedlungshäuser an der Delme sind ein sichtbares Stück Geschichte des Werkssiedlungsbaus. Angefangen von den frühen noch mit Fabrikziegeln gebauten Häusern in Reih und Glied, bis zur aufgelockerten Anordnung im hinteren Teil der Siedlung an den Delmebögen. Das Konzept der Siedlung wurde von den sogenannten Gartenstädten des englischen Werksiedlungsbaus beeinflusst. Übrigens befindet sich hier in der Nähe delmeabwärts das Nordtor, das sog. Schaftor, auf dessen Kamm wieder das Erkennungszeichen der Nordwolle, das Merino-Schaf, thront.

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