Käpt´n Kuper

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Moin, Ihr Lieben! Gerd ist mein Name, Gerd Tönjes-Deye, aber die Leute hier nennen mich alle Käpt´n Kuper – und so dürft Ihr mich auch nennen. Ihr fragt euch vielleicht, warum hier so weit landeinwärts ein Seemannsdenkmal steht. Jaaa, seid mir nicht böse, aber das zeigt natürlich nur eure Unwissenheit! Hier in Edewecht haben wir nämlich über Jahrhunderte hinweg Schiffe gebaut. Ein kleines Stück weiter südlich von hier, an der Vehne, da habe ich meine Werft gehabt. Da baute ich auch meine „Lina“, eine dreimastige Schönheit von gut 20 Metern Länge, eine Schonerbrigg, die 1876 vom Stapel gelaufen ist. Der hiesige Kaufmann Setje hatte das Schmuckstück finanziert, daher war es auch Ehrensache, das Schiff nach seiner Tochter Lina zu nennen. Erst schipperte die Lina nur auf kurzen Strecken, aber dafür war sie ja viel zu schade. Daher machten wir uns dann 1879 gemeinsam auf große Fahrt! Ein Traum! Das Ziel war das andere Ende der Welt, jawohl, Australien! Vorbei ging es an ganz Afrika, vorbei am Kap der guten Hoffnung und dann hinein in den Indischen Ozean! 15000 Seemeilen ohne Zwischenfälle. Aber dann: Der blauschwarze Himmel sah aus, als wolle er die Welt untergehen lassen. Blitze, die schier den Horizont zerrissen. Mir und meinen Männern rutschte das Herz gehörig in die Hose, das will ich euch sagen! Aber da mussten wir nun durch. Der Donner warf uns fast um, der Sturmwind und wütete und peitschte derart, dass wir meinten, er würde uns das rohe Fleisch von unseren blanken Knochen reißen. Aber das Schlimmste war die wogende See. Wie ein wildes Tier brüllte sie und schickte sich an, uns jeden Augenblick mit Mann und Maus in einem grausig tiefen Wellental zu verschlingen. Mir war plötzlich klar, dass die „Lina“ für diesen Seegang viel zu schwer beladen war. Ich tat es nicht gerne, aber ich befahl meinen Männern, einen Teil der Getreideladung über Bord zu kippen. Lieber die Fische füttern als selbst zu Fischfutter werden! Doch all das nicht genug. Mitten im Sturm brach einer der Masten und das einzige, was mir da noch einfiel war: Herrgott, steh uns bei! Ich weiß nicht, ob dieses Stoßgebet letztendlich geholfen hat, aber nach einer scheinbaren Ewigkeit nahm der Sturm schließlich ab. Angeschlagen, aber nicht besiegt, trudelte die „Lina“ in uns fremden Gewässern, in denen wir uns nun erst einmal orientieren mussten. Als endlich Land in Sicht kam, das wir mit großer Erleichterung anliefen, stellten wir fest, dass es uns bis nach Neuseeland verschlagen hatte! Dort machten wir unsere gute „Lina“ wieder flott und liefen Australien an. Am 29. April 1880 erreichten wir Adelaide und löschten den Rest unserer Ladung. Von dort aus sind wir wieder zurück in heimische Gewässer aufgebrochen. Die Rückfahrt ging dann ohne weitere Zwischenfälle vonstatten. Tja, und die Leute hier zu Hause wollten kaum glauben, dass wir so weit weg gewesen sind! Dass sie uns das schließlich doch abgenommen haben, beweist dieses schöne Denkmal, das mir meine Mitbürger hier hingestellt haben. Tja, lewe Lüe, so wurde ich zum bedeutenden Sohn unseres schönen Edewecht!

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