Kaiser-Lothar-Linde

Wenn Bäume erzählen könnten…

Die mächtige Sommerlinde auf dem Gelände des AWO-Psychiatriezentrums – im Hof des ehemaligen Benediktinerklosters – ist ein bedeutendes Naturdenkmal. Ihr Alter wird auf ca. 900 Jahre geschätzt. Der Legende nach soll Kaiser Lothar III. sie bei der Grundsteinlegung der Kirche gepflanzt haben.

Der Berggarten an der Westseite des Kaiserdoms ist eine idyllische Parkanlage mit Wasserläufen, Wasserfällen und Teichen.

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So weit, weit ragen meine Äste in den Wind – und zurück in die Zeit. Das große Gotteshaus, in dem Kaiser Lothar begraben liegt, ja, das ist wahrlich uralt. Und so ist es auch mit mir. Man sagt, der große Kaiser selbst habe mich hier in die Erde gesetzt. Ich war damals noch ein junger Setzling, erinnere mich aber genau, dass ein stattlicher Herr in feiner Kleidung mich fest in seinen Händen hielt und dass viele andere Menschen mit feierlichen Mienen um ihn und mich herum standen.In alter Zeit war es nämlich Sitte, einen Lindenbaum zu pflanzen, wenn etwas sehr Bedeutendes begangen wurde. Und was wäre wohl bedeutender als der Bau einer Kirche, deren Türme den Ruhm einer Kaiserdynastie weit in die Landschaft künden sollen? Allein Lothars Traum erfüllte sich nicht und die Reihe der herrschaftlichen Gräber in seiner Kirche ist nur kurz. Nicht die Welfen, sondern die Staufer wurden zu Kaisern des Reiches.

Vieles sah ich in all diesen Jahrhunderten: Zugleich mit dem Dom wurde ein großes Kloster errichtet. Die Benediktinermönche sollten in Würde die kaiserlichen Gräber pflegen, was sie auch getreulich lange Zeit verrichteten. Direkt am Dom befand sich ihr prächtiger Kreuzgang mit zwei zusätzlichen Kapellen. Und geschäftig waren diese Mönche: Ganz hier in der Nähe stand ihre Mühle mit einem Brauhaus. All das war umgeben von einer Mauer, die das Kloster vor der Welt da draußen schützen sollte. Doch die Welt veränderte sich und nahm sich nach Jahrhunderten schließlich doch das Ihre. Die Mönche verschwanden, Teile des Klosters verfielen oder wurden abgerissen.

Aber neben all dem, was die großen Herren anging, sah ich auch vieles, was die einfachen Menschen und ihr alltägliches Geschick anging. So manches Mal versammelte man sich in meinem Schatten und beratschlagte. Oft saß man hier auch zu Gericht. Auf der mir zugewandten Seite des Abtshauses, war lange Zeit ein Halseisen angebracht. Das hat so mancher Schurke als auch manch armer Tropf getragen.

Als lange nach der Zeit der Mönche in den Klostergebäuden ein Kaltwasserbad für Kurgäste untergebracht wurde, bekam auch ich wieder häufiger Gesellschaft. Man baute in meiner Krone eine Empore, worauf sich bei abendlichen Lustbarkeiten Musiker setzten und ich zum Zentrum einer Tanzgesellschaft wurde. Aber dieses Vergnügen war nur von kurzer Dauer. Nur wenig später baute man auf dem Grund des alten Klosters ein Krankenhaus für Menschen mit einer kranken Seele. Und ich hoffe, ich habe wenigstens einen kleinen Anteil an ihrer Genesung, denn was könnte ein besseres Bild für die Unerschütterlichkeit sein als ein Baum wie ich.

If Trees Could Talk…

The mighty large-leaved linden tree on the premises of the AWO Psychiatry Centre – in the courtyard of the former Benedictine monastery – is an important natural monument. It is esti-mated to be 900 years old. According to the legend, Kaiser (Emperor) Lothar III planted it at the laying of the church's foundation stone.

The Berggarten on the west side of the Kaiserdom (Imperial Cathedral) is an idyllic park with water courses, waterfalls and ponds.

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So, so far my branches reach out into the wind – and back in time. The great church, in which emperor Lothair rests, is truly age-old. And the same goes for me. People say, the emperor himself planted me here. Although I was a young sapling, I remember vividly how a man of stately appearance firmly held me in his hands with many people surrounding him, solemnly watching. Back in the day it was customary to plant a limetree when an important event came up. And what could be of greater importance than the construction of a church, whose towers bore witness to the greatness of the imperial dynasty. However, Lothair’s dream did not come true and the number of lordly tombs in his church is small as the family of “Staufen” became the imperial family, and not the “Welfen”.

In the course of all those centuries I saw many things: While the cathedral was under construction, a great monastery was built. The benedictine monks were supposed to take care of the imperial tombs. And this task was taken very seriously by them for a long time. Very close to the cathedral, there was the glorious cloistered courtyard with two additional chapels. The monks were always busy: for example in the nearby mill and the brewery. All of that was surrounded by a wall, which separated the monastery from the rest of the world. But the world changed and took back its rightful possession. The monks disappeared and parts of the monastery went to rack or were torn down.

I did not only see the noblemen, however. I also watched the common people and their daily work. Many a time, they would gather in my shade and discuss their problems. Also, the people sat in judgment on somebody here. My side closest to the abbot’s building wore jougs for a long time, keeping many villains and also some poor devils from running away.

After the monks were long gone, a cooling bath was built inside the monastery for the spa guests. And finally I got some company again. People built a gallery in my crown where musicians would entertain the guests in the evenings. Consequently, I became the center of a dancing group quite frequently. Those amusements were short-lived, however. Soon after, the monastery was built into a  hospital for people with an ill soul. I hope I had at least a small part in their recovery. What could be a better image of imperturbability than a tree like me?

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