Die Unterirdischen im Wold

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Die Wälder rund um Oldenburg sind allesamt uralt und bewohnt von allerlei merkwürdigen und unheimlichen Wesenheiten. Von den Gespenstern aus dem Wildenloh und dem Hasbruch haben Sie sicher schon gehört. Und vielleicht auch von den Unterirdischen, die in Sandkrug in den Osenbergen wohnen. Hier im Wold bei der Ortschaft Bloh, nicht weit von Bad Zwischenahn, gibt es sie auch. Normalerweise sind sie etwa halb so groß wie Sie und ich, aber sie verfügen über mancherlei Zauber und Magie. In der Regel sind sie trotz ihrer Wunderlichkeit ihren menschlichen Nachbarn meist freundlich gesinnt, aber wehe man verprellt sie willentlich oder durch eine Ungeschicklichkeit, dann bekommt man ihre ganze Wut zu spüren!

Die Unterirdischen hier im Wold sind ohnehin nicht ganz geheuer, sie haben nämlich die Angewohnheit, Kinder in ihre unterirdischen Höhlen mitzunehmen und dafür so genannte Wechselbälger zurückzulassen. Die ahnungslosen Eltern wissen oft zunächst nichts davon, denn ihre Wahrnehmung wird häufig durch den Zauber der Unterirdischen geblendet. Wenn aber im Laufe der Zeit das Kind sich immer garstiger verhält, frisst, statt isst und trotzdem nicht wachsen will, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Wechselbalg handelt.

Genauso erging es einmal einer jungen Mutter. Die Unterirdischen hatten schon in der Nacht nach der Geburt das Kind geholt und stattdessen ein zahnloses greises Wesen in die Wiege gelegt. Schon bald erkannte die Mutter, dass sie es mit einem Wechselbalg zu tun hatte. Soweit sie wusste, musste sie das Wesen zum Sprechen bringen, damit es sich selbst verriet. Sobald das geschehen würde, wäre der Zauber gebrochen und die Unterirdischen müssten das Kind wiederbringen. Aber lange waren alle Versuche, aus dem Wesen irgendetwas herauszubringen, vergeblich. Doch schließlich rückte die Mutter die Wiege mit dem Alten an den Feuerherd, stellte rund um das Feuer leere Eierschalen auf und füllte sie eine nach der anderen mit Wasser als wären es Teller mit Suppe. Aufmerksam sah der Alte ihr zu, bis er endlich rief:

»Bün ick doch so old, so old

as de Bloher Wold,

aber dat hebb ick sin Dage noch nich sehn!«

Oder auf Hochdeutsch:

Bin ich doch so alt

Wie in Bloh der Wald,

aber so etwas habe ich noch nie gesehen!

Damit hatte also die junge Mutter tatsächlich den Unterirdischen dazu gebracht, sich zu verraten, und der Bann war gebrochen. Schon am folgenden Tag lag das Kind wieder gesund und wohlgenährt in seiner Wiege.

 

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