Das ehemalige Benediktinerkloster

Herrgott nochmal! – Kloster im Ausnahmezustand

Südlich der Kirche befand sich die Klausur. Dieser streng abgeschlossene Bereich des Klosters war ausschließlich den Mönchen vorbehalten und diente ihnen als Ort des Rückzugs und der Besinnung. Zur Klausur gehörten der Kreuzgang und mehrere angeschlossene Gebäude und Räume. Erhalten sind u.a. zwei Flügel des Kreuzgangs, das Brunnenhaus im Kreuzganghof, Teile des Abtshauses und die Sakristei.

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Herrgott nochmal! Das ist ja wie auf einem Jahrmarkt, schlimmer noch, wie in Sodom und Gomorrha! Diese vielen Menschen! Und das in unserem Kloster! Es ist jedes Jahr dasselbe mit dieser verdammten Wallfahrt! O, der Herr möge mir verzeihen! Ich weiß ja, ich weiß ja: Jedes Jahr zum Namenstag unserer Hausheiligen Peter und Paul, dem 29.Juni,  suchen diese armen Seelen nur das Kloster auf, um geistigen Beistand, Trost und Vergebung zu finden. Der Heilige Vater in Rom hat uns schließlich die Befugnis erteilt, umfangreiche Ablässe zu gewähren. Auch verehren viele Pilger unsere wundertätige Marienfigur und erhoffen sich von ihr Heilung. Aber, der Herr möge meiner selbstsüchtigen Seele gnädig sein, die vielen Pilger, die bringen einfach alles durcheinander! Normalerweise haben wir Mönche einen strengen Tagesablauf, wie ihn uns die Regel des Hl. Benedikt vorschreibt. Wenn wir nicht schon in der Nacht gebetet haben, beginnen wir unser Tageswerk in aller Frühe mit einem Gotteslob, indem wir dem Herrn die Psalmen seines Knechtes David singen. Darauf folgt eine persönliche Andacht, bis wir zum nächsten Stundengebet überleiten. Wir beten aber nicht nur, sondern wir arbeiten auch hart, das ist Teil unseres gottgefälligen Lebens – getreu unserem Leitspruch „Ora et labora“. Wir müssen uns zum Beispiel um unsere Gärten kümmern, unsere Besitzungen müssen verwaltet werden, unsere Schreibstube kopiert die Heilige Schrift und alles Wissen unserer Zeit oder erstellt Dokumente für uns oder die weltliche Herrschaft. Und das alles will mit Bedacht, Muße und Liebe vollbracht sein. Aber wenn die Pilger in diesen ausgemachten Scharen hier auftauchen, läuft aber auch gar nichts mehr seinen gewohnten Gang! Und dann diese vielen lästigen Händler, die überall ihre Buden und Tische aufgebaut haben und Devotionalien und Pilgerplaketten losschlagen wollen. Ob ihr Treiben wirklich gottgefällig ist, das möchte ich bezweifeln, vertrieb doch unser Herr Christus selbst die Händler aus dem Tempel Salomos. Ja, sogar in unseren stillsten Rückzugsräumen, im Kreuzgang und wo unsere im Herrn verstorbenen Brüder zur Ruhe liegen, sind diese Händler zu finden. Auch unser Brunnenhaus, in dem uns die Lutter frisches Wasser spendet und wo wir unsere Tonsuren nachschneiden, wird ebenfalls von ihnen belagert. Selbst in der Schreibstube über dem Brunnenhaus ist man vor ihrem Getöse nicht sicher! Ach, ich wünschte, der Herzog würde endlich alles das verbieten! Vielleicht würde es ja helfen, wenn Kaiser Lothar selbst in seinem Grabe unruhig würde. Aber nein, der hochselige Stifter unseres Klosters liegt seit Jahrhunderten in seiner Kirche und regt sich nicht. Und so wird es wohl auch bleiben.

For God’s sake! – A Monastery in State of Exception

To the south of the church was the enclosure of the monastery. This area was reserved exclusively for the monks and served as a place of retreat and contemplation. The enclosure included the cloister and several adjoining buildings and rooms. Remaining are, amongst other things, two wings of the cloister, the fountain house in the cloister courtyard, parts of the abbot's house and the sacristy.

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For God‘s sake! This place has turned into a fair. No, even worse! Into Sodom and Gomorrha! So many people! In our monastery! The same thing every single year: this pilgrimage! O Lord, forgive me! I know, I know: Every year those poor souls come to our monastery on the saint’s day of our patron saints Peter and Paul on the 29th of June to seek support and consolation. The Holy Father in Rome gave us permission to grant indulgence after all. Also, many pilgrims worship our miracle-working picture of the Virgin Mary and hope for healing. Still, God may forgive my selfish soul, they make a mess of everything! Usually us Benedictine monks have a very organized daily routine. In case we did not already pray at night, we start our daily chores with the praise of god early on in the morning by singing David’s psalms. An individual devotion follows as does the next part of the liturgy of the hours. Of course we don’t only pray! We also work very hard as this is part of our godly lives. “Ora et labora”, as the founder of our order Saint Benedict used to say. For instance, we have to take care of the gardens or manage our estates and our scriptorium is busy copying the Holy Bible and all the knowledge of our time. They also draft documents for us and the worldly lords. And all that must be done with consideration, vacancy and love. But as soon as those pilgrims arrive in masses, nothing seems to be the same anymore. Many of them even come all the way from Holland, England or Norway! Not to speak of those troublesome merchants, flogging their devotional objects and pilgrims badges. I like to doubt that they are living a godly live considering that Jesus Christ himself chased them away from the Temple of Salomon. Even our most tranquil refuge, the cloistered courtyard, where we lay our late brothers to rest is occupied by them! The same with the well house, where we receive fresh water from the Lutter and trim our tonsure. Not even the scriptorium and the well house are spared from their hullaballoo! O, I wished the duke would finally put an end to all this. Maybe it would help if Emperor Lothar turned in his grave. This will hardly be the case, though, as the blessed benefactor of our monastery has been resting in his crypt for centuries. And it seems it will stay that way.

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